Die Frau an Luthers Seite

Durch emsige Gartenarbeit sei sie quasi zur einer zweiten Hildegard von Bingen geworden: Sabine Henke als Katharina von Bora im Buchcafé.
Foto: Landsiedel

 

Thomas Landsiedel

Bad Hersfeld. Katharina von Bora plaudert aus dem Nähkästchen. Sie habe die 95 Thesen an die Kirchentür genagelt, Martin – handwerklich völlig unbegabt – habe bei der Aktion lediglich „den Überblick behalten“, sprich Schmiere gestanden, berichtet die starke Frau hinter Luther. Durch emsige Gartenarbeit sei sie quasi zur einer zweiten Hildegard von Bingen geworden und sie weiß daher ganz genau, dass Depressionen und Verstopfung zusammen gehören:„Aus einem verzagten Arsch kommt halt kein fröhlicher Furz“. So wundert es kaum, dass aus der „entlaufenen Nonne mit Entwicklungspotenzial“ inzwischen eine gefragte Frau geworden ist, die von allen Parteien als Gallionsfigur für den anstehenden Bundestagswahlkampf heftig umworben wird. Während die SPD keinen großen Unterschied zwischen Martin Schulz und Luther – Hauptsache Martin – sieht, will die CSU sie sogar ins „Kompetenzteam Ilse Aigner“ berufen.

Unterschiedliche Rollen

Die Kabarettistin Sabine Henke gastierte am Freitagabend mit ihrem Programm „Luther wäre dafür“ im restlos ausverkauften Buchcafé. Henke, die gerne auch als „Kirchenkabarettistin“ bezeichnet wird, schlüpfte im Verlauf des Abends in die unterschiedlichsten Rollen wie der der Reporterin für „Kirche Heute“, in denen sie nicht nur den aktuellen Luther-Hype, sondern auch das alltägliche kirchliche Gemeindeleben auf die Schippe nahm. Ob es um die LutherDevotionalien für den Gemeindebasar, die Schwärmerei einer ältlichen Dame aus dem Kirchenvorstand für den jungen Pfarrer mit dem Doppelnamen oder eine ehemalige Küsterin vom Arbeitskreis 70 plus ging, Henke traf den Nerv des Publikums, darunter viele aktive Kirchenmitglieder, mit erstaunlicher Treffsicherheit. Zumindest die Insider im Publikum amüsierten sich köstlich, aber auch die in Kircheninterna weniger Bewanderten kamen nicht zu kurz, schließlich kann Lachen überaus ansteckend sein. Und wenn Henke altbekannte Weisheiten wie die, dass für einen Optimisten das Glas halbvoll, für einen Pessimisten hingegen halbleer ist, um den Nachsatz ergänzt, dass der Realist sich fragt, wer das Glas anschließend abspült, sind alle wieder mit an Bord. Unterm Strich ein vergnüglicher Abend, „gepflegte Unterhaltung oberhalb der Gürtellinie“, die mit viel Applaus belohnt wurde. Katharina von Boras Auftritt kam leider etwas zu kurz. Die Frau an Luthers Seite hätte aus ihrer Perspektive wohl noch so einiges von dem, was über den großen Reformator kolportiert wird, gerade rücken können – sicherlich zur Freude des Publikums.

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors

Bad Hersfelder Zeitung 8.5.2017